Kollaborative Textverarbeitung

Aus Business und Internet

Wechseln zu: Navigation, Suche

Das kollaborative Erstellen von Texten ist keine neue Erfindung, die erst mit dem Aufkommen des Internets und der Entwicklung des so genannten Web 2.0 oder Social Web entstanden ist. Lisa Ede und Andrea Lunsford legten hierzu bereits 1992 eine umfassende Untersuchung vor und zeichneten darin die Forschung zu kollaborativem Schreiben bis in die frühen 1960er Jahre nach. Jedoch führten sowohl Digitalisierung und dadurch entstehende neue Informations- und Kommunikationstechnologien als auch soziale und gesellschaftliche Wandlungsprozesse, wie eine gestiegene berufliche und private Flexibilität und eine Ausweitung des tertiären Sektors, zu einer schnelleren Verbreitung und erhöhten Akzeptanz und Anwendung kollaborativer Arbeits- und Schreibprozesse. Das gegenseitige Bedingen von medialem und sozialem Wandel wird von Ansgar Weymann grundlegend analysiert und beschrieben. Einen Eindruck von der Veränderung des kollaborativen Schreibens in der Wissenschaft bietet der Artikel von Gudrun Gersmann und Katja Mruck. Dieser Beitrag gibt einen Überblick zu den verschiedenen Arten des kollaborativen Schreibens und stellt ausgewählte Werkzeuge und ihre Anwendungsmöglichkeiten sowie die Etherpad Foundation vor.

Inhaltsverzeichnis

Formen des Kollaborativen Schreibens

Kollaborative Textverarbeitung oder auch kollaboratives Schreiben sind Überbegriffe für verschiedene Arten des gemeinschaftlichen Erstellens und Bearbeitens von Texten, Dokumenten und Beiträgen in Teams oder Gruppen. Jan Hodel hat unter Berufung auf die Arbeiten von Peter Zentel, Friedrich Hesse und Pierre Dillenboug vier Aspekte des gemeinsamen Schreibens zusammengestellt:

  • Die Konzeption ist ein dem Schreiben vorgeschalteter Arbeitsschritt. Hier ist die gesamte Planung und Arbeitsverteilung verortet, ebenfalls die Entscheidung darüber, welche Form des kollaborativen Schreibens verfolgt werden soll.
  • Unter Kooperation versteht man, wenn einzelne Autorinnen und Autoren die Verantwortung für bestimmte Teile eines Gesamtwerkes, zum Beispiel ein Kapitel, übernehmen. Handelt es sich nicht um einen Sammelband, bei dem die einzelnen Abschnitte namentlich einem Urheber zugeordnet werden, wird diese Form der Zusammenarbeit in der Regel dem kollaborativen Schreiben zugeordnet.
  • Im Fall der Kommunikation werden die einzelnen Kapitel einer Publikation nach Absprache unter den Autorinnen und Autoren verteilt und diesen auch namentlich zugeordnet. Die Veröffentlichung erfolgt unter dem Namen aller Autorinnen und Autoren oder unter dem Namen eines oder mehrerer Herausgeber. Beispiele hierfür sind Sammelbände oder aber auch Zeitschriften.
  • Unter Kollaboration ist schließlich das gemeinschaftliche Verfassen eines Textes durch mehrere Autorinnen und Autoren zu verstehen. Dabei wird zwischen Versioning und parallelem Schreiben unterschieden: Beim Versioning (engl. reactive writing) erfolgt die Bearbeitung zeitlich versetzt; die Autorinnen und Autoren verfassen, löschen oder kommentieren Teile des Textes und leiten diesen dann als Textdatei oder analog an die anderen Projektmitglieder weiter. Dies kann auch der Fall sein, wenn ein Autorenteam einem Teamleiter zuarbeitet, der eine Endkontrolle des Textes vornimmt und diesen freigibt. Beim parallelen Schreiben (engl. parallel writing) wird oder kann der Text zeitgleich von allen Autorinnen und Autoren bearbeitet werden. In Wikis kann dieser Prozess auch anonym, respektive ohne die Zusammenarbeit in einem Team erfolgen. Andere Kommunikationsmittel aus dem Bereich des Social Web erfordern die Authorisation zur Kollaboration, wie dies zum Beispiel bei einem Contributor in einem Blog der Fall ist. Inzwischen bieten zahlreiche Werkzeuge im Internet die Möglichkeit zum kollaborativem Schreiben, wobei es den Teams überlassen ist, ob die Teamstruktur hierarchisch oder egalitär organisiert wird. Beispiele hierfür werden im weiteren Verlauf des Beitrags genannt und zum Teil erläutert.

Nach Lowry, Curtis und Lowry kann kollaboratives Schreiben wie folgt definiert werden: "Kollaboratives Schreiben stellt einen iterativen und sozialen Prozess dar, in welchem ein Team über gemeinsames Aushandeln, Koordinieren und Kommunizieren ein Dokument generiert." Dabei können die Beteiligten in verschiedene Kategorien eingeordnet werden:

  • Der Team-Leader ist Mitglied des kollaborativen Schreibprozesses und hat die Befugnis alle Dokumente zu bearbeiten oder die Texte anderer Autorinnen und Autoren gegenzulesen und Veränderungen anzumerken (Review). Ebenfalls übernimmt der Team-Leader Aufgaben in den Bereichen Planung, Motivation, Belohnung und Bewilligung von Vorschlägen. (Vgl. Lowry/ Curtis/ Lowry 2004).
  • Schreiber oder Verfasser sind verantwortlich für die Erstellung einzelner Textteile im kollaborativem Schreibprozess (vgl. Posner/ Baecker 1992) und dürfen nach Absprache auch Veränderungen an anderen Textteilen im Gesamtdokument vornehmen.
  • Herausgeber übernehmen Verantwortung für die gesamte Textproduktion der Verfasser und sind generell befugt sowohl inhaltliche als auch gestalterische Veränderungen am Gesamtdokument vorzunehmen (vgl. Posner/ Baecker 1992).
  • Der, üblicher Weise externe, Berater gibt Feedback zu Prozessabläufen und Inhalten, übernimmt aber keine Verantwortung für die Textproduktion (vgl. Posner/ Baecker 1992).
  • Der Moderator oder Vermittler ist ein externer Berater, der in einem Team bestimmte Prozessabläufe steuert und überwacht aber kein Feedback zu inhaltlichen Aspekten der Textproduktion gibt (vgl. Adkins/ Reinig/ Kruse/ Mittleman 1999).
  • Der Gutachter oder Reviewer kann sowohl Mitglied im Schreibteam sein als auch von Außen hinzugezogen werden. Seine Aufgabe ist es speziell zu inhaltlichen Aspekten und Fragen Feedback zu geben, ohne die inhaltliche Gesamtstruktur zu beeinflussen. (Vgl. Posner/ Baecker 1992).

Das Beispiel ZOHOwriter

ZOHOwriter ist ein für Privatpersonen weitgehend kostenfreies, browserbasiertes Textverarbeitungsprogramm, das in der ZOHOsuite enthalten ist, die unter www.zoho.com von der ZOHO Corporation Pvt. Ltd. angeboten wird. Das Angebot ist unterteilt in Collaboration Apps, Business Apps und Productivity Apps, wobei einzelne Angebote wie ZOHOmeetings zum Teil kostenpflichtig sind. In der kostenfreien Version bietet ZOHOdocs 1GB Speicher und unter anderem folgende Optionen: Dokumentenverwaltung, kollaborative Texbearbeitung mit Check-In und Check-Out Funktion, Live-Chat und Volltextsuche in allen hochgeladenen (und freigegebenen) Dokumenten.

Das Beispiel Piratenpad

Das Piratenpad ist ein von der Piratenpartei Deutschland gehostetes Etherpad Lite der Etherpad Foundation zur kollaborativen Textverarbeitung im Internet und bietet darüber hinaus eine Chatfunktion. Im Gegensatz zu zahlreichen anderen kollaborativen Textverarbeitungen können bei Etherpads die Einstellungen so gewählt werden, dass jeder User das Pad bearbeiten kann, wenn er dessen URL kennt. Pads können aber auch mit einem Passwort geschützt werden. Um selbst zu hosten wird ein Linux-, Mac OS- oder Windowsserver benötigt, die Nutzung des Pads ist unabhängig vom Betriebssystem im Browser möglich. Die Nutzung ist kostenfrei.

Weitere Werkzeuge

Etherpad und die Etherpad Foundation

Etherpad ist die Bezeichnung für die beiden webbasierten Texteditoren Etherpad Pro 1.1 und Etherpad Lite 1.0, die von der Etherpad Foundation entwickelt und angeboten werden. Beide Programme ermöglichen die kollaborative Texterstellung und -bearbeitung in Echtzeit, das heißt alle Änderungen erscheinen ohne Zeitverzögerung auf den Bildschirmen der Teilnehmer, denen farbliche Textmarkierungen zugeordnet werden können. Etherpad wurde 2009 von Google übernommen, jedoch wurde das Programm in Open Source überführt und der Quellcode unter Apache-Lizenz veröffentlicht. Alternativ kann Etherpad auf verschiedenen Public Sites kostenfrei verwendet werden - eine Anmeldung ist dafür nicht zwangsläufig nötig.

Quellen

Persönliche Werkzeuge